China ist in den Bereichen Big Data, Schnittstellentechnologie, e-Commerce und Elektromobilität durchaus innovativ, urteilt Botschafter Michael Clauß. Insbesondere die Internetgiganten zeigen, wozu privates chinesische Unternehmertum und fortschrittsfreundliche Konsumenten fähig seien.

Detecon: Herr Clauß, haben wir in Deutschland gegenüber China einen Wettbewerbsvorteil?

M. Clauß: Ich denke schon. Eine umfassende Länderanalyse der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech stellte fest, dass Deutschland im Thema Industrie 4.0 gegenüber Konkurrenten einen Vorsprung von zwei bis drei Jahren hat. Diese Analyse hat allerdings auch gezeigt, dass andere Länder aufholen. Und hier ist auf jeden Fall China zu nennen, das von seinem riesigen Binnenmarkt profitieren kann.

Die Stärke der deutschen Industrie liegt vor allem im Bereich industrieller Fertigungsprozesse, Maschinenbau und Elektrotechnik. Schon heute hat die deutsche Industrie einen hohen Automatisierungsgrad in wichtigen Branchen wie Automobil, Chemie, Pharma erreicht. Ein weiterer Vorteil liegt in der engen Verflechtung zwischen Industrieunternehmen und Zuliefererindustrie und der hohen Innovationskraft des deutschen Mittelstands, den auch die chinesische Konkurrenz sieht und durch Akquisitionen in Schlüsselbereichen für sich zu nutzen versucht.

Detecon: Den etwaigen technologischen Rückstand in einigen Bereichen versuchen chinesische Unternehmen scheinbar durch gezielten „Technologie-Aufkauf“ gerade auch in Deutschland zu beseitigen. Sehen Sie darin eine Gefahr für Deutschland?

M. Clauß: China setzt für seine technologische Entwicklung und seine weltweite wirtschaftliche Expansion nicht allein auf heimische Ressourcen und Entwicklungspotenziale. Marken, Vertriebswege und -erfahrungen sowie Technologie werden gezielt über Joint Ventures, die häufig mit erzwungenem Technologietransfer einhergehen, oder jüngst verstärkt durch Unternehmenskäufe erworben. Allerdings ist China keine so offene Marktwirtschaft wie Deutschland, in der freier Wettbewerb herrscht. Chinas erklärtes Ziel ist es, Technologie- und Marktführer in auch für uns wichtigen Bereichen wie Fahrzeugbau, Luft- und Raumfahrt, Spezialschiffbau oder Medizintechnik zu werden. Bisweilen drängt sich der Verdacht auf, dass staatliche Großunternehmen und Banken eine politisch gesteuerte Strategie ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Rentabilitätserwägungen umsetzen. Zugleich wird ihr riesiger Heimatmarkt auf vielfältige Weise vor internationaler Konkurrenz geschützt. Viele Bereiche bleiben ausländischen Investoren ganz verschlossen. Da fordern wir mehr Reziprozität.

Detecon: Wenn man sich die technologische Entwicklung beider Länder anschaut, erkennt man schnell, dass China nicht mehr für „Copy & Paste“ steht, sondern mittlerweile technologisch stark aufgeholt hat. Im Bereich „Internet & E-Commerce“ bringen Alibaba, WeChat und Baidu China sogar in eine Vormachtstellung. Wie ist es China gelungen, sich hier über die letzten Jahrzehnte so stark zu emanzipieren? Welches Muster liegt dahinter?

M. Clauß: Die Vormachtstellung von Chinas Internetriesen beschränkt sich ganz maßgeblich auf den chinesischen Markt und wenige andere Märkte in Asien. In Europa und anderswo tun sich die Unternehmen hingegen ausgesprochen schwer. Das liegt auch an völlig unterschiedlichen Kundenpräferenzen, etwa beim Datenschutz. Die Vormachtstellung in China wiederum überrascht mich angesichts der Aussperrung großer Wettbewerber wie Google oder Facebook nicht. Weil die Partei im Web 2.0 eine große potenzielle Bedrohung für politische Stabilität sieht, versucht sie, diese Unternehmen stärker an sich zu binden, nicht zuletzt durch vielfältige personelle Verflechtungen mit der KP. Trotz dieser wichtigen Einschränkungen sehen wir in Chinas Internetgiganten aber auch, wozu privates chinesische Unternehmertum und fortschrittsfreundliche Konsumenten fähig sind.

Detecon: Wir haben in einer Studie zum Thema „Innovationskultur“ die Innovationsfähigkeit deutscher (Groß-)Unternehmen analysiert. Ein ernüchterndes Ergebnis war: „Wir – die Deutschen – können zwar effizient, aber nicht innovativ“. Wie bewerten Sie die Innovationsfähigkeit in China? Was ist grundlegend anders als in Deutschland?

M. Clauß: Deutsche Unternehmen werden hier durchaus als innovativ und technologisch führend wahrgenommen, vor allem was Innovationen im Bereich der Produkt- und Serviceebene angeht. Allerdings nimmt im Zuge der Digitalisierung die Bedeutung der Telekommunikationsbranche sowie prozessorientierter Innovationen im Vertrieb und in der Wertschöpfung zu. Hier hat China gute Ausgangsbedingungen und ist in Bereichen wie Big Data, Schnittstellentechnologie, e-Commerce und Elektromobilität durchaus innovativ.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen setzt die chinesische Regierung im Rahmen der Restrukturierung der Wirtschaft auf innovatives Wirtschaftswachstum. Der gezielte Aufbau von Clustern, in denen Unternehmen und Forschungseinrichtungen nah beieinander liegen, und die Bereitstellung großer Fördersummen für ‚Start-ups‘ und Unternehmen in innovationsversprechenden Branchen, bieten wichtige Rahmenbedingungen für Innovationsfähigkeit. Ein weiterer Grund ist die unterschiedlich ausgeprägte Risikoneigung im Bereich der Unternehmenskultur: Die „Start-up-Szene“ in China boomt.

Detecon: China hat den Wandel in Richtung Marktwirtschaft besser vollzogen als Russland. Es scheint so, als wäre das aktuelle wirtschaftliche und politische Modell recht stabil. Doch gerade wenn wir an technologische Trends wie 3D Druck und ähnliches denken, so bedroht dies zumindest einen Teil der Massenproduktion in China. Wie bewerten Sie dies?

M. Clauß: China ist inzwischen soweit in der globalisierten Weltwirtschaft vernetzt, dass eine absolute Abschottung gegen disruptive Technologien nicht mehr vorstellbar ist. Unter politischen und sozialen Gesichtspunkten bedeutet dies das genaue Gegenteil von dem, was die chinesische Führung als ihr Erfolgsmodell versteht, das Versprechen von Stabilität, berechenbarem Wachstum, sozialer „Harmonie“. Eine Revolution der Arbeitswelt mit all ihren sozialen Verwerfungen stößt da erstmal auf Misstrauen. Gleichzeitig ist klar, dass das bisherige Wachstumsmodell an seinen Grenzen angekommen ist.
China ist sich dieser Entwicklungen bewusst, weshalb die Regierung mit dem 13. Fünfjahresplan auf eine Restrukturierung der Wirtschaft setzt. Die Strategie „Made in China 2025“ legt Ziele fest, wie China mit Hilfe innovativer Fertigung und Technologie zu einer der wettbewerbsstärksten Volkswirtschaften der Welt werden soll. Nach wie vor liegt eine deutliche Diskrepanz zwischen den politischen Prioritäten und den Bedürfnissen der Industrie vor. Die Politik konzentriert sich auf quantitative Ziele, die Verteilung von Investitionen ist ineffizient, Reformen greifen nicht hinreichend und es fehlt an Bottom-up Initiativen und wirklichen Strukturänderungen.

Detecon: Ein weiterer Effekt, den wir in vielen Staaten wie den USA und Deutschland beobachten, ist, dass der technologische Wandel und die zunehmende Digitalisierung zu einer Spaltung der Gesellschaft führen. Gerade in den USA beobachtet man an vielen Stellen einen Wegfall der Mittelschicht. Wie bewerten Sie dies in China?

M. Clauß: Ein wichtiger Teil der chinesischen Erfolgsgeschichte ist die Armutsbekämpfung. Lebten 1981 rund 880 Millionen Menschen in Armut, waren es 2012 nur ein Zehntel davon und bis 2020 soll die Armut vollends beseitigt werden. Das ist eine historische Leistung. Genauso wichtig für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist der rasche Aufstieg einer Mittelschicht, die heute laut verschiedenen Studien bereits 300 Millionen Menschen umfasst. Gerade diese gut ausgebildete Mittelschicht ist der wichtigste Träger des technischen Fortschritts in China.

Detecon: Wechseln wir den Blick in Richtung Ausbildung und Schulsystem. Wir scheinen in Deutschland abhängt zu sein, wenn es um das Thema „Computational Thinking“ geht. Staaten wie China holen hier auf. Wie bewerten Sie dies?

M. Clauß: Unser Schul- und Bildungssystem genießt in China einen sehr guten Ruf und ist für viele chinesische Eltern, die sich Gedanken um die Qualität der Ausbildung ihrer Kinder machen, ein Vorbild. Wir konnten das im letzten Frühjahr bei unserem Tag der Offenen Tür in der Botschaft, bei dem deutsche Bildungsangebote vorgestellt wurden, hautnah erleben.

Was die Fitness unseres Bildungssystems angeht, gibt es aber trotz aller Erfolge und internationaler Anerkennung keinen Grund sich auszuruhen, schon gar nicht im Kontext des Zukunftsthemas Digitalisierung. Wir sollten den potenten Mix aus kultureller Affinität zu Bildung, sozialem Aufstiegswillen und überall spürbarer Technikfreundlichkeit nicht unterschätzen. Immer mehr Institutionen, Schulen, Eltern und nicht zuletzt Schüler erkennen das enorme Potenzial von IT-Kenntnissen für die berufliche Zukunft junger Menschen.

Detecon: Ein anderes beliebtes Thema im Kontext von China und den zunehmenden Internetaktivtäten ist „IT und Datenschutz“. Eine persönliche Frage: Würden Sie WeCHAT für den Austausch vertraulicher Informationen nutzen?

M. Clauß: Mit der digitalen Verbreitung von privaten Informationen in sozialen Medien sollte man wohl immer vorsichtig sein, nicht nur bei WeChat. Andererseits hat WeChat in China eine Verbreitung und Beliebtheit erreicht, die es nicht leicht macht, im Alltag ganz auf herkömmliche SMS zu setzen. Letztlich ist es in der Verantwortung eines jeden einzelnen, mit seinen persönlichen Daten sorgfältig umzugehen. Sicherlich kommt hier auch den Schulen eine wichtige Aufgabe zu.

Detecon: Was unternimmt China hier, um seinen Ruf bezüglich der IT- und Datensicherheit aufzupolieren?

M. Clauß: China hat im November 2016 ein neues Cybersicherheitsgesetz vorgelegt, das am 1.6.2017 in Kraft treten wird, und Ende 2016 eine nationale Cyberspace-Sicherheitsstrategie veröffentlicht, die bei den Unternehmen bereits vorhandene Sorgen zumindest nicht widerlegt haben. Es hat den Anschein, dass für China „Cyber-Souveränität“ sowie die Kontrollierbarkeit des Internet wichtiger sind als Datenschutz und Datensicherheit für Nutzer. Das erhöht die Bedenken der Unternehmen, dass die Vorgaben Innovationen behindern und eher industriepolitisch motivierte Maßnahmen zum Schutz heimischer Unternehmen sind. Die vorhandenen Bedenken müssen wir und unsere chinesischen Partner sehr ernst nehmen.

Detecon: Kommen wir noch einmal zurück zum Thema „Industrie 4.0“. Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen technologischen Trends, die Auswirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung in China haben werden?

M. Clauß: Die Wirtschaftsentwicklung in China wird bestimmt sein von der Frage, ob es China gelingt, den notwendigen Strukturwandel erfolgreich zu bewältigen. Technologisch steht der „Upgrade“ der Branchen im Fokus, die im Fünfjahresplan und in der Strategie „Made in China 2025“ benannt sind. Folglich werden wir voraussichtlich einen Schub in Bereichen wie Robotik, Automatisierungstechnik, digitale Produktions- und Prozesstechnik sehen, aber auch bei Energie- und Umwelttechnologien, die helfen, das Wachstum Chinas „grüner“ zu machen. Aufgrund des Facharbeitermangels und steigender Lohnkosten setzen immer mehr chinesische Unternehmen auf automatisierte Produktionslinien, um ihre Produktivität zu steigern.

  • Wagner, Marc
    Wagner, MarcManaging Partner

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