Radikal neue Geschäftsentwicklung lautet der Auftrag an das Team der Robert Bosch Start-up GmbH. Birte Moyé erklärt die zwei Säulen der Inkubation und des Co-Working – und wie die gesamte Bosch-Gruppe davon profitiert.

DETECON: Wir nehmen wahr, dass sich Unternehmen und insbesondere Großkonzerne mit Themen wie Innovationskultur und Entrepreneuership sehr schwer tun. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür?

Moyé: Die Konzerne verstehen, dass sie zwar immer noch mit ihrem Brot- und Buttergeschäft das Geld verdienen, aber dass dieses Geschäft endlich ist und sie neue Wege gehen müssen. Für den Aufbau eines neuen Geschäfts sind andere Prozesse, andere Standards und andere Arbeitsweisen notwendig, klassische Entwicklungs- und Produktentstehungsprozesse funktionieren einfach nicht mehr. Deswegen wächst zunehmend das Verständnis, neue Einheiten aufzubauen, die mehr Flexibilität und Freiraum haben, um aus radikalen, disruptiven Innovationen neues Geschäft zu entwickeln. Da dies innerhalb eines Konzerns in den bestehenden Strukturen nur schwer möglich ist, werden diese neuen Einheiten beispielsweise im Rahmen von Tochtergesellschaften gegründet – wie auch vor zweieinhalb Jahren die Robert Bosch Start-up GmbH.

DETECON: Worin genau besteht der Auftrag von Bosch Start-up?

Moyé: Unser Auftrag ist es, aus Bosch-Technologien radikal neues Geschäft zu entwickeln, d.h. neues Produkt, neuer Kunde, neuer Markt. Wir haben nicht den Auftrag, Produkte weiterzuentwickeln oder Prozesse zu verbessern. Dafür sind weiterhin die bestehenden Geschäftsbereiche verantwortlich, die dies seit Jahren erfolgreich umsetzen und realisieren. Ein Anknüpfungspunkt muss natürlich in der Bosch-Gruppe vorhanden sein, wenn auch weitergedacht in drei bis fünf Jahren. Ein enger Kontakt zu unseren Geschäftsbereichen ist wichtig.

DETECON: Wie stellen Sie diesen X-Prozentsatz Verrücktheitsgrad in der Organisation sicher, damit radikale Innovationen auch Akzeptanz finden?

Moyé: Wir sind eine freie und flexible Einheit und haben keine Abhängigkeit zu den bestehenden Geschäftsbereichen. Wenn es Sinn ergibt, mit anderen Bereichen zusammenzuarbeiten, binden wir diese natürlich mit ein – es muss aber nicht sein. Wenn es bei neuen Entwicklungen keine bestehenden Anknüpfungspunkte zu Bosch gibt, kann es trotzdem für Bosch neues Geschäft sein. In diesem Fall wäre beispielsweise auch die Gründung einer neuen Tochtergesellschaft eine Option. Unsere Start-ups sind wie kleine Unternehmen in Unternehmen, die zwar durch Bosch finanziert werden, aber selbst entscheiden.

DETECON: Das Thema Funding ist hier sehr interessant. Gibt es einen zentralen Topf, über den Sie frei verfügen können?

Moyé: Wir haben ein fixes Jahresbudget für die gesamte Robert Bosch Start-up GmbH, welches aus einem Topf speziell für Wachstumsmaßnahmen in der Bosch-Gruppe zur Verfügung gestellt wird. Wir sind frei in der Entscheidung, wie das Budget auf unsere Start-ups verteilt wird. Die Verteilung führen wir jedoch nicht nach den klassischen Prozessen der Wirtschaftsplanung durch, sondern meilensteinbasiert. Unsere Start-ups setzen sich Meilensteine, ungefähr im zwei bis drei Monatsrhythmus, welche von den Investorboards unserer Start-ups „geprüft“ werden. Das Board entscheidet dann darüber, ob der Meilenstein erreicht wurde und das Budget für die Erreichung des nächsten Meilensteins freigegeben wird. Wir müssen natürlich darauf achten, dass das Gesamtbudget im Rahmen bleibt.

DETECON: Das Coaching der Start-ups zeichnet Sie aus. Wer übernimmt bei Ihnen die Rolle des Coachs und was genau ist deren Aufgabe?

BOSCH: Wir haben zwei Coaching-Ansätze. Wir starten bereits das Coaching durch externe Mentoren mit Gründungserfahrung oder durch Investoren, wenn sich die Start-ups bei uns bewerben und unser 8-wöchiges Vorbereitungsprogramm durchlaufen. Nach erfolgreicher Bewerbung sucht sich jedes Start-up ein Investorboard mit mindestens einer internen Person von Bosch und einer externen Person, die im Idealfall den zukünftigen Markt bereits kennt und ggf. bereits im Vorbereitungsprogramm erste Berührungspunkte mit dem Start-up hatte. Das Investorboard ist nicht als Steuergremium zu sehen, sondern wirklich als Coach, zum Beispiel zum Führen von strategischen Diskussionen mit den Start-ups. Auch die zu erreichenden Meilensteine werden vom Start-up selbst gesetzt.

DETECON: Inwieweit unterstützen Sie die Start-ups bei der Suche nach Spezialisten?

Moyé: Gerade in dem Vorbereitungsprogramm (Accelerator-Programm) ist es unsere Aufgabe, die Spezialisten zu finden. Aber auch danach unterstützen wir die Start-ups bei der Auswahl der für sie richtigen Mentoren. Jedes Start-up ist bei uns anders und wir haben Mentoren mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wenn wir feststellen, dass ein Start-up bestimmte fachliche Expertise oder Erfahrungen benötigt, helfen wir mit unserem Netzwerk weiter. Bei speziellen Fragen, zum Beispiel bei rechtlichen Themen, können wir auch auf das Know-how unseres Mutterkonzerns zurückgreifen. Dieses Know-how ist für uns natürlich ein riesen Vorteil, den wir auch sehr häufig in Anspruch nehmen. Die Kooperation ist sehr gut, gerade die zentralen Stellen helfen uns hier sehr viel.

DETECON: Bestehen die Start-ups ausschließlich aus internen Mitarbeitern oder haben auch externe Kandidaten die Möglichkeit, sich gezielt auf Positionen in den Start-ups zu bewerben?

Moyé: Unsere Teams bestehen nicht nur aus internen Mitarbeitern. Bisher war es in der Regel so, dass immer ein Mitarbeiter der Bosch-Gruppe die Idee hatte. Bei der Umsetzung jedoch kann eigentlich jeder mitarbeiten, von Familienmitgliedern bis zu Freunden des Mitarbeiters. Es ist nur wichtig, dass die Idee zu unserem Leitmotiv „Invented for life“ passt. Nächstes Jahr wollen wir komplett externen Teams die Möglichkeit bieten, sich mit ihren Ideen bei uns zu bewerben. Diesen externen Start-ups wollen wir auch räumlich einen Arbeitsbereich in unserer neuen Halle zur Verfügung stellen. Wir wollen zukünftig einen Mix aus beiden Ansätzen verfolgen, also sowohl Start-ups mit angestellten Mitarbeitern bei Bosch als auch Start-ups bestehend aus ausschließlich externen Mitarbeiten. Beide Seiten werden in Zukunft stark voneinander lernen können.

DETECON: Sie sprechen die Vorteile durch das riesige Know-how und die Strukturen des Bosch-Konzerns an. Klassisches Ideenmanagement jedoch verläuft häufig in einer Einbahnstraße. Wie kommen Sie an die Ideen und Ideengeber? Wie motivieren Sie die Organisation, mit Ideen auf Sie zuzukommen?

Moyé: Bislang waren wir sehr passiv unterwegs, denn es kamen viele Ideengeber mit ihrer Idee und ihrem Team direkt auf uns zu. Viele Ideengeber haben von uns erfahren, dass sie ihre Ideen, die womöglich nicht zu ihrem eigenen Geschäftsbereich passen, trotzdem platzieren können. Zukünftig wollen wir aber die Bekanntheit und die Begehrlichkeit der Bosch Start-up GmbH weiter erhöhen. Dazu werden wir zum einen auf Kommunikations- und Marketingmaßnahmen setzen, zum Beispiel Events und Roadshows, um unseren Auftrag den Mitarbeiten an verschiedenen Standorten näher zu bringen. Zum anderen haben wir eine dreistufige aufeinander aufbauende Pyramide an Workshops aufgebaut, in denen wir vermitteln und erleben lassen, wie man neues Geschäft für Bosch entwickelt. Dadurch erhalten wir natürlich neue Ideen, erkennen aber auch das Potenzial von den Workshop-Teilnehmern, die bei uns als Entrepreneur durchstarten könnten.

Detecon: Wie motivieren Sie Mitarbeiter, mit ihren Ideen auf den Vorgesetzten zugehen, um ihm mitzuteilen, dass sie gegebenenfalls zur Bosch Start-up GmbH wechseln?

Moyé: Die Vorgesetzten der Teilnehmer binden wir natürlich von Anfang an mit ein. Sehr häufig überzeugen die Mitarbeiter ihre Vorgesetzten selbst von der Teilnahme an unserem Vorbereitungsprogramm. Alternativ führen wir die Gespräche mit den Vorgesetzten, um sie vom Ziel und den Potenzialen der Teilnahme zu überzeugen. Es ist nicht die Masse, die wir für ein Engagement bei uns akquirieren. Bei uns bewerben sich eher die Entwickler, die im Rahmen ihrer täglichen Arbeit auf eine neue Idee kommen, weniger die Mitarbeiter, die den klassischen Karriereweg verfolgen. Insgesamt leisten wir viel Überzeugungskraft beim mittleren und oberen Management.

Detecon: Dabei geht es ja insbesondere um die Risikobereitschaft, neue Dinge auszuprobieren. Wie fördern Sie diese Risikobereitschaft bei Bosch?

Moyé: Über diesen Punkt sprechen wir viel, insbesondere wenn sich neue Leute bei uns bewerben. Dabei geht es um Fragen zum Arbeitsvertrag oder Rückkehrgarantien zum vorherigen Arbeitsplatz. Wir suchen Leute, die für ihre Idee brennen und im Team daran arbeiten wollen, neues Geschäft für Bosch zu entwickeln. Daher geben wir keine Rückkehrgarantie. Allerdings haben die Mitarbeiter beste Chancen innerhalb der Bosch Gruppe eine andere Stelle zu finden, sollte das Start-up nicht zum Erfolg führen. Das Risiko ist deshalb aus unserer Sicht überschaubar.

Detecon: Was passiert, wenn das Start-up nicht erfolgreich wird?

Moyé: Wir hatten den Fall bisher noch nicht, dass ein Start-up gestoppt werden musste. Allerdings sehen wir in einem solchen Fall verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel könnten die Mitarbeiter in einem anderen Start-up Anknüpfungspunkte finden. Genauso gut ist es denkbar, dass sie in eine andere Position im Bosch-Konzern wechseln. Dort werden die Mitarbeiter oft mit Kusshand genommen, da sie über entsprechende Erfahrungen verfügen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass sich Mitarbeiter mit einem Start-up selbstständig machen können, falls sich herausstellen sollte, dass dieses für die Bosch-Gruppe selbst nicht fortgesetzt werden soll.

Detecon: Müssen die Mitarbeiter in jedem Fall komplett in die Bosch Start-up GmbH wechseln oder gibt es auch die Möglichkeit, sich von der aktuellen Position dafür freistellen zu lassen, um für sechs Monate Erfahrung zu sammeln?

Moyé: Bis vor kurzem waren wir sehr stark auf die Inkubation fokussiert. Das heißt, neue Mitarbeiter sind im Rahmen eines Vertragswechsels komplett zu uns gewechselt. Wir werden uns zukünftig aber stärker in Richtung der bestehenden Geschäftsbereiche öffnen. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, eigene Teams zu uns zu schicken, die neues, aber angrenzendes Geschäft für unsere bestehenden Geschäftsbereiche entwickeln. Diese Mitarbeiter oder Teams werden dann weiterhin durch die Geschäftsbereiche finanziert und für einen begrenzten Zeitraum zu uns abgeordnet.

Detecon: Das heißt, das Sponsoring der Ideen läuft über die Geschäftsbereiche?

Moyé: Ja, die Finanzierung erfolgt in diesem Fall über den Geschäftsbereich, aber wir stellen den Mitarbeitern die Infrastruktur, das Arbeitsumfeld und unseren Support. Wir sind sozusagen der Facilitator, der das Netzwerk zur Verfügung stellt. Dieser Ansatz nennt sich bei uns Co-Working und bietet für die Geschäftsbereiche den Vorteil, dass sie ihren Mitarbeitern den entsprechenden Freiraum für die Entwicklung von neuem Geschäft geben können, sie aber nicht verlieren.

Detecon: Das ist sehr spannend, dadurch bekommt die Bedeutung „Inkubator“ noch eine ganz neue Ebene dazu.

Moyé: Genau, die erste Säule ist der klassische Inkubator. Das sind Mitarbeiter oder Teams, die aus radikalen Ideen neues Geschäft für Bosch in neuen Märkten entwickeln und dafür zu 100% von uns finanziert werden. Die zweite Säule ist das zuvor beschriebene Co-Working, mit dem wir auch anderen Innovations Teams die Möglichkeit bieten, von unserer Infrastruktur und unserem Netzwerk zu profitieren. Das kann für drei bis sechs Monate sein, das kann aber auch für mehrere Jahre sein, je nachdem, was diese Teams für einen Auftrag haben. Die dritte Säule nennen wir „Experience“, unsere dreistufige aufeinander aufbauende Workshop-Reihe, zu der auch unser 8-wöchiges Vorbereitungsprogramm gehört. Hierbei verfolgen wir das Ziel, das erarbeitete und gesammelte Wissen sowie unsere Erfahrungen wieder in den Bosch-Konzern zurückzugeben.

Detecon: Wir haben ein formales Thema noch gar nicht angesprochen. Wenn Sie von „Wir“ sprechen, wie groß ist die Bosch Start-up GmbH aktuell?

Moyé: Das Kernteam umfasst aktuell sieben Mitarbeiter und die gesamte Rechtseinheit mit allen Start-ups zirka 70 Personen. Von den sieben Mitarbeitern aus dem Kernteam kümmern sich drei Mitarbeiter um die Themen Funding, Controlling und Company-Building, eine Mitarbeiterin ist für die Büroassistenz verantwortlich, eine Mitarbeiterin für das Facility Management und ich kümmere mich um die Themen Kommunikation, Marketing und Brand Management. Unser CEO, kümmert sich um alle Themen ein bisschen (lacht).

Detecon: Wie gehen Sie mit dem Thema Arbeitsumfeld um?

Moyé: Das Arbeitsumfeld muss sehr flexibel sein. Schon allein physisch gesehen – wir versuchen, den Start-ups offene Teamflächen bereit zu stellen, in denen Sie auch innerhalb kurzer Zeit von zwei auf 30 Mitarbeiter wachsen können. Zudem wollen wir auch die Teams untereinander verbinden und dadurch die Kommunikation fördern. Die Teamflächen für die Start-ups sind von 06.00 bis 22.00 Uhr an sechs Tagen der Woche offen. Man kann hier in dieser Zeit flexibel arbeiten, muss es aber nicht. Genauso gut kann auch von zuhause oder von anderen Standorten gearbeitet werden. Die Start-ups sind von Anfang an viel bei Kunden und Partnern unterwegs. Ein weiterer wichtiger Punkt für unsere Start-ups ist die direkt an die Büros angrenzende Werkstatt. Dadurch bieten wir die Möglichkeit, dass die Mitarbeiter beispielsweise die Software am Schreibtisch programmieren und im Anschluss in der Werkstatt direkt prototypisieren können.

Detecon: Wenn Sie nach vorne blicken könnten und in fünf Jahren auf diese Einheit schauen: Woran machen Sie fest, ob die Entwicklung der Einheit erfolgreich war?

Moyé: Der Erfolg misst sich in erster Linie durch den Erfolg unserer Start-ups, sonst würde Bosch solche Einheiten nicht aufsetzen. Insbesondere mit Blick in Richtung Co-Working und Experience wäre es für mich natürlich auch ein großer Erfolg, wenn unser Wissen, unsere Erfahrungen und unsere Kultur- da wo es Sinn macht – auch anderswo innerhalb des Bosch-Konzerns adaptiert werden.

Das Interview führte Marc Wagner, Managing Partner, Detecon International GmbH.

 

Birte Moyé ist seit 2005 bei Bosch. Nach verschiedenen Stationen innerhalb der Bosch Gruppe im In- und Ausland ist sie seit September 2014 bei der Robert Bosch Start-up GmbH und hier verantwortlich für die Bereiche Marketing, Brandmanagement und Kommunikation. Sie bildet dabei die Schnittstelle zwischen Mutterkonzern, Start-up Szene und Corporate Start-up. Birte ist für den Wissenstransfer von Entrepreneurship und lean Start-up Methoden und bei der Gestaltung von „future working spaces“ für die Kommunikation im Raum verantwortlich.

 

  • Wagner, Marc
    Wagner, Marc Managing Partner

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