Die Deutsche Telekom steht vor der Herausforderung, das über Jahre entwickelte Kerngeschäft im Rahmen der digitalen Transformation zu erneuern. Doch wie organisiert man das? Christian Illek, Vorstand Personal, und Reza Moussavian, verantwortlich für den Bereich HR Digital & Innovation, stellen sich den entscheidenden Fragen der Zukunft. 

Detecon: Zunächst eine Frage in Ihre Richtung, Herr Illek. Digitalisierung und Automatisierung sind  Themen, die im Moment laufend in der Presse sind. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür?

Illek: Wir erleben gerade, dass sich viele Geschäftsmodelle in verschiedenen Industrien sehr stark über die Digitalisierung neu erfinden lassen und dass die Geschwindigkeit, mit der Innovation zunimmt, dramatisch steigt. Wie heißt es so passend: „Es wird nie wieder so langsam sein wie gerade in diesem Moment.“ Vor allem große Unternehmen, die über Jahrzehnte ihre Geschäftsmodelle aufgebaut haben, müssen sich auf dieses Thema einlassen und überprüfen, in welchem Umfang die Digitalisierung auf die bestehenden Kernprozesse Einfluss hat und sich entsprechend anpassen. Das sieht man heute nicht nur in der Medienindustrie, sondern auch in der Automobilindustrie und in der Bankenindustrie. Sicher ist: Die Digitalisierung macht vor keiner Industrie halt. Deshalb ist es dringend notwendig, dass sich jede Branche mit dieser Entwicklung intensiv auseinandersetzt.

Detecon: Wir haben eine Studie zum Thema Innovationskultur gemacht mit dem Ergebnis, dass sich gerade deutsche Unternehmen sehr schwer tun, das Thema Innovation in ihren Strukturen zu integrieren. Andere Länder sind uns da voraus. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Illek: Ich halte Deutschland immer noch für einen sehr innovativen Standort. Es gibt genug Indizes, die das belegen, beispielsweise die Anzahl der angemeldeten Patente. Da befinden wir uns immer noch weltweit in der Spitzengruppe. Die große Herausforderung, vor der wir stehen, liegt in der Klärung der Frage, wie man das über Jahrzehnte entwickelte Kerngeschäft mit Digitalisierung erneuert. Da trifft ein Kerngeschäft auf ein Digitalisierungsgeschäft und die Frage wird sein: Wie kriegt man das vernünftig nebeneinander oder miteinander abgemischt? Hier tun sich Start-ups, die keine Unternehmensgeschichte haben, deutlich einfacher als ein Unternehmen, das Jahrzehnte lang einen Kernprozess und eine Kernwertschöpfung etabliert hat und jetzt anfangen muss, das alles auf eine plattformbasierte Logik zu bringen. Das macht dann die unterschiedliche Geschwindigkeit in der Innovation aus.

Detecon: Herr Moussavian, Sie haben sich im Rahmen der Studie „Arbeit 4.0“ intensiv mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt beschäftigt. Welche Kernergebnisse sind herausgekommen? Sind Sie eher ein Skeptiker, was die Entwicklung betrifft, oder bewerten Sie das positiv?

Moussavian: Diese Studie hat ergeben, was auch alle anderen Studien zu diesem Thema bereits ergeben haben: Technologien beziehungsweise technologischer Fortschritt sollte nicht aufgehalten werden, denn das führt immer zu kontraproduktiven Ergebnissen. Man sollte vielmehr die Möglichkeiten, die neue Technologien bieten, nutzen, weil das gesellschaftlichen Fortschritt und eine gute Positionierung im Wettbewerb bringt. Es gibt viele Referenzen und Beispiele aus den vorangegangenen industriellen Revolutionen, die immer wieder zeigen: die Länder und Unternehmen, die eine neue Technologie früh aufgenommen haben, die sie früh antizipiert und nicht verhindert haben, sind die, die heute gut dastehen. Ich sehe natürlich auch einige kritische Punkte, aber bin sehr zuversichtlich und sehr optimistisch, dass uns die Digitalisierung als Gesellschaft ebenso wie als Unternehmen ganz grundsätzlich in der weiteren Entwicklung vorantreiben wird.

Detecon: Können Sie das konkretisieren?

Moussavian: Was die gesellschaftlichen Auswirkungen betrifft, so werden wir ganz neue Formen von Beschäftigungsverhältnissen haben. Eigenverantwortliches Arbeiten und Selbstmanagement werden zunehmend wichtiger. Das kann bedeuten, dass man parallel für verschiedene Firmen arbeitet, dass man in Netzwerken eingebunden ist, in die man seine Expertise einbringt. Es geht in die Richtung digitale Inklusion. Wir sehen das beispielsweise in der Versicherungsbranche, aber auch in Familien, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schon heute deutlich optimieren können. Ich sehe dort vor allem riesige Chancen, weniger das Verschwimmen von Grenzen und die Gefahr von Überbelastung. Aber natürlich ist es eine Frage des Selbstmanagements und der Eigenverantwortung. Gesellschaftlich interessant ist auch, dass die Anzahl der Start-ups zunimmt und die Beschäftigungszahlen der großen, erfolgreichen Internetunternehmen steigen. Was unsere traditionellen Industrieunternehmen angeht, also Unternehmen mit Legacy, so können hier durchaus Beschäftigungseffekte entstehen, die eher in Richtung geringere Beschäftigung gehen. Aber insgesamt sehe ich ein großes Plus, da wir immer mehr Bedürfnisse durch digitale Möglichkeiten abdecken und mehr Dienstleistungen anbieten können. Das heißt, dass wir mehr Möglichkeiten für unternehmerisches Handeln haben und damit Beschäftigung erzeugen können.

Illek: Ich möchte das ergänzen: Es gibt meines Wissens nach keine belastbare Studie, die volkswirtschaftlich zweifelsfrei belegt, welche Beschäftigungseffekte durch die Digitalisierung zu erwarten sind. Es gibt Studien, die dramatische Jobverluste prognostizieren, und es gibt Studien, die sehr positive Beschäftigungseffekte erwarten. Wir werden, je nach Industrie und Branche, ganz unterschiedliche Ergebnisse haben. Es wird in einzelnen Industrien negative Effekte geben und in anderen positive. Wir werden sehen, wie der Nettosaldo dann tatsächlich ausschaut. Aber es gibt eine ganz einfache Regel: Je früher ich als Unternehmen das Thema Digitalisierung für mich erkenne, desto besser bin ich auf die Veränderungen vorbereitet. Wer also das Heft des Handelns in die Hand nimmt, hat damit beste Chancen, die bestmögliche Zukunft für sein Unternehmen zu gestalten.

Detecon: Das ist ein guter Punkt in Richtung Innenblick Deutsche Telekom. Herr Moussavian hatte das Thema Flexibilisierung von Arbeit angesprochen, aber letztlich auch das Thema Zusammenarbeit mit Start-ups und Partnern. Wie nehmen Sie selbst die Deutsche Telekom in dieser Hinsicht wahr?

Illek: Die Deutsche Telekom setzt sich extern und intern sehr intensiv mit dem Thema Digitalisierung auseinander. Dabei wollen wir gar nicht verhehlen, dass wir als Konzern auch noch einen langen Weg vor uns haben. Stichwort Selbstorganisation: Wir lernen gerade, Informationen mehr und besser zu teilen, Wissensmonopole beginnen sich aufzulösen. Das ist eine gute Entwicklung. Wir sind eben kein Start-up, sondern kommen aus einer gewachsenen Struktur und Kultur. Deshalb müssen wir uns natürlich Gedanken darüber machen, wie wir die Umwälzungen durch die Digitalisierung im Konzern richtig balancieren. Das ist die große Herausforderung, die einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Wir möchten möglichst viele Mitarbeiter in die Zukunft mitnehmen, wissen aber auch, dass es durchaus Mitarbeiter gibt, die diese Reise nicht mehr mitmachen möchten. Gleichzeitig haben wir viele Mitarbeiter – und das sind übrigens nicht nur die jungen! – die mehr Tempo bei der Digitalisierung von Geschäft und Arbeit einfordern. Diese beiden Pole müssen wir bei der digitalen Transformation des Konzerns berücksichtigen.

Detecon: Damit ist die Digitalisierung in Ihren Augen eine Steilvorlage für den HR-Bereich?

Illek: Nicht nur. Es ist mehr als ein kulturelles Thema. Es geht auch um ganz faktische Fragestellungen. Was heißt eigentlich Digitalisierung? Und was heißt es in meinem Umfeld? Was heißt Coding? Was heißt lebenslanges Lernen? Was heißt Selbstorganisation? Und was sind richtige Skills? Wir müssen uns auf das Thema einlassen. Das ist für mich eine Kulturfrage.

Moussavian: Auf der Kundenseite ist das Teil der Konzernstrategie. Das heißt, dass wir Innovationen mit Partnern, insbesondere mit Start-ups, weiter vorantreiben wollen. Und diese Outside-In-Perspektive versuchen wir jetzt nach innen zu leben. Wir stellen uns die Frage: „Was möchten wir nutzerorientiert zum Thema Arbeitswelt und Personalarbeit für Mitarbeiter machen?“ Wir machen uns über Mitarbeiterbeteiligungen Gedanken und ebenso darüber, wie wir die Digitalisierung nutzen, um Mitarbeiterideen besser verarbeiten zu können. Das ganze Thema Prognosemärkte haben wir zum Beispiel sowohl als Konzept wie auch als Tool in der Telekom eingeführt. Dazu gehört aber auch, dass wir uns mit externen Start-ups auseinandersetzen. Hier besteht aus meiner Sicht noch bei allen Konzernen Aufholbedarf – allerdings auch auf der Start-up-Seite, denn das Thema B2B Start-up ist ein anderes als B2C: Ein B2C hat freie Wahl in Sachen Technologie und App-Entwicklung, man braucht nur einen Partner zum Anpluggen. Ein B2B Start-up muss die Unternehmensgeschichte den Unternehmenskontext und die Kultur verstehen und sich in bestehende Technologien einarbeiten. Das ist eine deutlich schwerere Aufgabe. In Deutschland sind es keine zwei Prozent der Start-ups, die sich mit dem Thema beschäftigen, und alleine die Suche nach diesen zwei Prozent ist schon schwierig.

Detecon: Gehören die Themen Unternehmertum und Umgang mit Start-ups in die Unternehmenskultur der Deutschen Telekom oder sollte sich immer nur ein kleiner Kreis mit diesen Aufgaben beschäftigen? Es gibt ja durchaus Beispiele außerhalb der Deutschen Telekom, wo wolche Initiativen gescheitert sind, weil man de facto die Unternehmertypen weder hat anziehen noch längere Zeit hat halten können. Wie sehen Sie das?

Moussavian: Meiner Meinung nach sind viele Programme gescheitert, weil sie vom Anspruch her nicht richtig aufgesetzt waren. Man kann Unternehmertum nicht durch die gesamte Belegschaft hinweg durchziehen. Gleichwohl müssen wir in eine neue Welt gehen mit den Themen Digitalisierung und offene Innovation, und da ist Beteiligung notwendig. Wenn wir über Unternehmertum sprechen, sprechen wir letzten Endes über Eigenverantwortung, über Selbstmanagement, über Risikobereitschaft. Und das passiert auf verschiedenen Ebenen, aber auch in verschiedenen Ausprägungen. Wir haben Unternehmerprogramme, mit denen wir Mitarbeiterideen fördern wollen. Dazu setzen wir Inkubationsprogramme auf, um aus Mitarbeiterideen letzten Endes Produkte zu definieren. Aber nicht alle 220.000 Mitarbeiter können Produkte entwickeln – dann funktioniert unser Unternehmen nicht. Diejenigen aber, die dieses Potenzial und die nötige Kreativität haben sowie das Unternehmergen mitbringen, die müssen wir besser identifizieren und stärker fördern. Dazu gehört aber auch, dass wir sie mit Blick auf unsere Zwecke unterstützen, damit diese Mitarbeiter nicht das Unternehmen verlassen und in eine Eigengründung gehen, von der wir nichts haben. Wir müssen schauen, wie wir davon profitieren können. Hier sind wir, glaube ich, auf einem ganz guten Wege. Ich sehe aber nicht, dass wir unter dem Schlagwort Unternehmertum ein breites unternehmenskulturelles Programm für alle Mitarbeiter weltweit brauchen.

Illek: Beim Begriff Unternehmertum sollten wir einmal genauer hinschauen. Per Definition sind wir Angestellte, keine Unternehmer. Wir sind keine Inhaber, sondern angestellte Mitarbeiter auf unterschiedlichen Ebenen der Organisation, die bestmöglich – das ist zumindest meine Hoffnung – unternehmerisch denken und handeln.

Deshalb favorisiere ich den Begriff der Innovationsfähigkeit. Es geht darum, Querdenkertum und innovatives Denken in allen Unternehmensbereichen zu unterstützen. Wer innovativ ist, muss ja nicht notwendigerweise ein Start-up gründen. Im Kern geht es doch zunächst darum, dass man die Innovation in der Breite der Organisation verankert. Innovation darf kein Privileg von Eliten sein. Das ist es, was wir treiben müssen. Und dann folgt die wesentliche Frage: Man kann Innovation betreiben in einem ganz klassischen Prozess, denn die Deutsche Telekom wird auch noch in einigen Jahren eine ganz klassische, nicht digitalisierte Wertschöpfung haben. Oder man treibt Innovation, wie das ein Start-up macht. Die große Herausforderung wird jedoch immer sein, die Innovation in die Kernprozesse zu integrieren. Aus diesem Grunde rede ich lieber über Innovation als über Unternehmertum.

Das Interview führten Marc Wagner, Partner, und Johannes Lott, Business Analyst, Detecon International GmbH.

  • Lott, Johannes
    Lott, Johannes Business Analyst
  • Wagner, Marc
    Wagner, Marc Managing Partner

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