Timm Richter glaubt nicht an Extreme. Der Produktvorstand von XING setzt deshalb auf eine Vielfalt von Kommunikationsmöglichkeiten, den ausgewogenen Mix aus unterschiedlichem Know-how und Persönlichkeitsmerkmalen im Unternehmen und eine partizipative Führung.      

Detecon: Social-Media-Plattformen haben heute insbesondere im privaten Bereich eine große Bedeutung. Wir nehmen allerdings einen Gap zur beruflichen Nutzung wahr. Woher kommt der Hype um diese Plattformen und sehen Sie ebenfalls diesen Gap?

Richter: Der Treiber ist das Thema Digitalisierung. Sich mit Menschen austauschen, Verbindungen aufnehmen und aufbauen – das haben wir schon immer gemacht. Und jetzt gibt es eine Technologie und Werkzeuge, die diesen Austausch extrem beschleunigen. Digitalisierung gibt den Dingen, die wir schon immer gemacht haben, Geschwindigkeit. Vor allem im deutschsprachigen Raum gibt es tatsächlich eine Unterscheidung zwischen der privaten und der beruflichen Welt. Facebook ist zum Beispiel die Welt der Freunde, hier kann man vom Grillabend erzählen und was die Kinder machen. Im beruflichen Kontext fühlen sich viele in einer „offiziellen Rolle“. In einem Nutzer-Interviews sagte mal jemand: XING wirkt! Dahinter steht eine gewisse Ernsthaftigkeit, deshalb machen sich viele darüber Gedanken. Ob man nun aber Geschäfte miteinander macht oder einfach freundschaftlich verbunden ist – man steckt in einer Beziehung mit Menschen und XING kann dabei helfen, diese Beziehungen im beruflichen Kontext zu unterstützen.

Detecon: Geschäftlich kommuniziert man noch viel über E-Mail, im privaten Kontext jedoch bereits zu etwa 90 Prozent über Facebook und ähnliche Plattformen. Einige Unternehmen haben bereits Zero-Mail-Versuche unternommen, um die Mailflut einzudämmen. Wie sehen Sie diesen Trend?

T.Richter: Im Vordergrund sollten immer die Probleme, die wir lösen wollen, stehen. Wenn Sie keine Mails schreiben, aber dafür Messenger-Programme nutzen, ist das Problem ja nicht gelöst. Eine Absicherung über CC-Setzung beispielsweise gibt es auch in anderen Kommunikations-Werkezeugen und Formaten, es funktioniert nur anders. Möglicherweise werden auch neue Probleme geschaffen. Was die Reduzierung von Information angeht bin ich also eher skeptisch. Bei XING nutzen wir eine Vielfalt an Programmen wie HipChat, Slack, Confluence, Jabber und E-Mail. Es gibt auch noch das Telefon neben WhatsApp und Sprachnachrichten. Die Balance ist wichtig, je nach Rolle und Kontext kann man sich anpassen. Will man die Dinge besser verstehen, muss man ihre Wurzeln sehen. Deshalb glaube ich, dass die E-Mails bleiben werden, sie sind der Ersatz für Briefe, die wiederum die Einsicht vieler in eine Aktenlage ermöglichten. Business Kommunikation wird nun einmal anders gelöst als private. Und WhatsApp-Gruppen drehen sich ja nicht nur um die Kommunikation, sondern auch um das Zugehörigkeitsgefühl, ein Teil dieser Gruppe zu sein.

Detecon: Ein anderer Punkt ist die Nutzung dieser Plattform für die Kommunikation oder das Skillmanagement innerhalb eines Unternehmens. Rein theoretisch könnte ein Unternehmen ja XING, LinkedIn und all die anderen Plattformen in den unternehmerischen Kontext integrieren und auf die Information zurückgreifen, die die Menschen dort freiwillig hinterlassen. Ein aufwendiger Admin-Prozess entfiele. Gibt es dazu Ansätze?

Richter: Mir gehen mehrere Sachen durch den Kopf. Veränderungen gibt es immer dann, wenn Bedürfnisse oder Probleme auftauchen. Dann glaubt man möglicherweise, solche Probleme durch ein Werkzeug lösen zu können. Aus unserer Perspektive sind Social Media und Digitalisierung Katalysatoren für Veränderungsprozesse in der Arbeitswelt – manchmal sogar Brandbeschleuniger. Unser Anliegen besteht darin, dem einzelnen Menschen dabei zu helfen, in seinem beruflichen Leben voran zu kommen – das steckt in unserer DNA. .. Das hat natürlich Einfluss auf Unternehmen. Wir bieten Recruiting-Lösungen für Arbeitgeber, bei denen wir die Bedürfnisse des Arbeitnehmers-nach vorne stellen. So machen wir etwa Arbeitgeberprofile transparent durch Bewertungen durch die eigenen Mitarbeiter. Darüber hinaus bieten wir Nachrichtenangebote an, die nicht an Unternehmen, sondern an Branchen oder Gruppen angebunden sind. Ich halte die horizontale Entwicklung für wesentlich relevanter – aus meiner Sicht ist das ein wichtiger Trend. Silo-Karrieren, also zum Beispiel bei Siemens die Laufbahn starten und für die nächsten 40 Jahre auch dort bleiben, sterben aus. Diese Loyalität wurde übrigens auch von Unternehmensseite gekündigt. Insofern wissen viele Menschen, dass sie ihr eigenes Netzwerk mit alten Kollegen, Dienstleistern und Kunden aufbauen müssen. Dieser Trend wird durch die Digitalisierung verstärkt.

Detecon: In diesen Kontext passt die New-Work-Diskussion mit Konzepten wie der Singularity University oder der Exponentiell Organisation. Ist das ein Trend, den Sie als schöne Zukunftsutopie einschätzen oder wird das bald Realität sein? Und wie muss sich XING hierauf vorbereiten?

Richter: Wir sind mittendrin. Der Autor Williams Gibbson hat gesagt: „Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt“. Wenn Sie wissen wollen, wie wir alle in 10 oder 20 Jahren arbeiten, dann kommen Sie zu uns. Wir leben bereits viele moderne Entwicklungen in der Arbeitsorganisation.

Detecon: Was heißt das konkret: Wie gestalten Sie die Arbeit und in welchen Strukturen? Gibt es überhaupt noch Hierarchien?

Richter: Vorstände haben bei uns keinen Firmenwagen und kein eigenes Büro, sie sitzen im Großraum wie alle anderen. Wir duzen uns, das ist Teil unserer Kultur und nichts Aufgesetztes. Hier wird seit Jahren Softwareentwicklung gemacht – das ist ein sehr spezielles Feld und wir machen das sehr modern. Unterschiedliche Funktionen arbeiten in Teams zusammen, organisieren sich selbst, mit kurzen Abstimmungswegen vor dem Kunden. Eine andere Form der Partizipation ist unser wöchentliches Company Meeting, an dem alle 900 Mitarbeiter teilnehmen können. Da gibt es ein eine Umfragetool, mit dem im offenen Dialog abgestimmt wird, wie gut wir unsere Visionen leben. Das ist moderne Kommunikation. Natürlich haben wir wie alle anderen auch die Herausforderung, gute Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Daher möchten wir auf eine andere Art und Weise Kontexte anbieten, in denen Mitarbeiter Sinn und Bedeutung finden und dazu auch einen Beitrag leisten wollen. Das ist die beste Motivation für die persönliche Weiterentwicklung. Schwer tue ich mich mit Übertreibungen. Zum Thema Arbeitsorganisation werden manchmal Fronten aufgemacht: den Zigarre rauchenden Chef im Ledersessel versus die „wir haben uns alle lieb“-Spielweise. Beide Welten sind aus meiner Sicht falsch und übertrieben. Natürlich gibt es bei uns Führungskräfte und Hierarchien. In dieser sehr agilen Welt braucht man Richtung. Diese entsteht durch Führung. Wir leben Führung jedoch auf eine andere Art, wir gehen das partizipativer an. Das ist anstrengender, weil es mehr Dialog bedeutet. Dieser Verantwortung kann man sich nicht entziehen. Die zentrale Frage lautet: Wie lasse ich Freiheit für Selbstorganisation und wie setze ich dem einen Rahmen? Unsere Regel heißt: Authority through Alignment. Führungskräfte erläutern das „Was und Warum“, damit die Mitarbeiter das „Wie“ frei und autonom gestalten können.

Detecon: Was sind aus Ihrer Sicht die Eckpfeiler?

Richter: Absolute Transparenz und Vertrauen sind sehr wichtig für uns. Beziehungen leben von Vertrauen, das ist nicht neu. Wir versuchen, das spürbar in unseren Produkten zu leben und zu nutzen.

Detecon: Viele Unternehmen sagen, dass sie Leute mit gutem Fit benötigen. Einige sagen, wir brauchen aber auch Leute, die Ecken und Kanten haben, um die Organisation zu challengen. Wie sehen Sie das?

Richter: Meine persönliche Erfahrung ist, dass in jeder Grundgesamtheit – auch in unserer, die auf den ersten Blick vielleicht homogen aussieht -, viele Persönlichkeitsdimensionen und Charaktere existieren. Die Menschen sind sehr unterschiedlich. Manchmal ist das Fachwissen extrem wichtig, wie etwa bei einem SEO Manager, der tatsächlich sein Handwerk beherrschen muss, manchmal sind das Generalistentum oder die Persönlichkeitsmerkmale, die für die Führung eines Teams wichtiger sind als die funktionale Expertise.

Detecon: Bei Ihnen sitzen Führungskräfte im Open Space, es gibt Desksharing und Homeoffice. Wie wichtig ist die Gestaltung des Arbeitsumfelds und worauf hat das letztlich Einfluss?

Richter: Menschen werden dadurch geprägt, wo sie arbeiten. Die Umwelt prägt sie und sie prägen die Umwelt. Natürlich nehmen wir durch die Gestaltung unserer Büros Einfluss auf die Arbeit. Die zwei wichtigsten Aspekte dabei sind ist das Gespür für die DNA, die Seele des Umfelds, die Kultur, in die Sie bei einem Unternehmen kommen. Da wir ständig wachsen und neue Flächen für die Mitarbeiter bereitstellen müssen, konfrontieren wir uns selbst stetig mit der Frage, wie wir uns gestalten. In der Kaisergalerie, eines unserer neuen Gebäude am Hauptstandort Hamburg, haben wir neue Büros für unsere E-Recruiting-Kollegen angemietet, die wir neu und modern gestaltet haben. Wir achten dabei auch darauf, wie wir Teamarbeit organisieren. Die Art der Zusammenarbeit der Mitarbeiter wird bei uns mit Raum unterstützt.

Detecon: Gehen wir noch einmal zurück zum Thema Social Media und Plattformen. Wie differenzieren Sie sich vom Wettbewerb und was ist Ihr USP im Vergleich zu den Wettbewerbern?

Richter: Wir haben im deutschsprachigen Raum die Marktführerschaft und streben diese auch weiterhin an. Wir glauben daran, dass Lokalität einen Unterschied macht. Das ist unsere Strategie. Die andere Strategie ist, global unterwegs zu sein und zu skalieren. Hier liegt die Herausforderung darin, sowohl in USA, Indien, China, Brasilien und Europa zu funktionieren. Diese Art der Skalierung sorgt für Standardisierung. Wir hingegen müssen nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen; wir helfen den Menschen lokal, denn viele Leute in deutschen Firmen haben kein internationales Umfeld. Familien mit zwei verschiedenen lokalen Standorten sind eher seltener, die Job-Frage ist ein lokaler Markt mit lokalen Bedürfnissen. Unsere Geschäftssäule „News“ ist sogar extrem lokal unterwegs. Wir sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz verwurzelt und kennen andere Partner und Medienunternehmen, die unterscheiden können, welche Quellen gut und wichtig sind. Dieses Netzwerk nutzen wir und bringen dementsprechend lokale Angebote. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Haltung, die Perspektive, aus der man auf das Arbeitsleben schaut. XING hat sich für die Konsumentenseite entschieden, das steckt auch in unserer DNA. Alles, was wir machen, soll dem Einzelnen helfen. Das betrifft auch die Unternehmenslösungen, die wir anbieten – denken Sie an Kununu. Wir stellen uns die Frage: Wie können wir Unternehmen helfen, in der digitalen Transformation attraktiv zu sein für die Consumer-Seite? Wenn es uns gelingt, die Leute zusammenzubringen, haben wir etwas geschafft. Aus der Perspektive des Unternehmenskontexts muss ich überlegen, wie man Prozesse gut organisiert und die Produktivität steigert. Produktivitätstools sind nicht das, was bei XING im Vordergrund steht. Bei Xing ist das die menschliche Beziehung.

Detecon: Die Aktienkurse geben Ihnen Recht: in 2015 sind sie um 85 Prozent gestiegen. Aktuelle Konzepte wie die exponentielle Organisation oder „Second Machine Age“ favorisieren jedoch die möglichst schnelle und maximale Skalierung. Lokalität spielt keine Rolle.

Richter: Es gibt kein Schwarz-Weiß. Natürlich gibt es Geschäftsmodelle, die gut global zu skalieren sind. Wenn Probleme heute durch Apps gelöst werden können, ist das im globalen Sinne. Die Digitalisierung sorgt dafür, dass es diese exponentiellen Effekte gibt. Wenn man sich mal überlegt, dass jeder Mensch nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung hat, egal, wieviel exponentielles Wachstum wir haben, dann bringt uns das in andere Schwierigkeiten. Wir müssen lernen, damit umzugehen, denn die Leute haben nur fünf bis zehn Apps, die sie immer wieder nutzen. Spannend ist aber auch, dass es in den Skalierungsmodellen immer wieder Ansätze gibt, in denen Lokalität wieder eine Rolle spielt. Drei wesentliche Beispiele dafür sind Airbnb mit der lokalen Übernachtung, UBER mit lokalem Transport und das ganze Thema Dating. Es gibt also viele Sachen, die man auf der Basis eines globalen Geschäftsmodells technisch lokal organisieren muss. Vermutlich wird man in Zukunft beides beherrschen müssen.

Detecon: Welche Topthemen sehen Sie für die nächsten fünf bis zehn Jahre? Und wo liegt aus Sicht von XING das größte Potenzial?

Richter: Das Thema, das wir derzeit besetzen, ist „Jobs“. Hier sehen wir noch Wachstumspotenzial. Aktuell haben wir fast elf Millionen Menschen auf der Plattform, stehen also noch am Anfang. Darüber hinaus gibt es die persönliche Weiterentwicklung des Lernens und den Kompetenzsaufbau. Diese Themen decken wir implizit durch News und Eventangebote ab. Persönlich glaube ich, dass in diesem Bereich noch mehr passieren wird. Wir erleben momentan das, was Peter Drucker vor 50 oder 60 Jahren geschrieben hat: Er sprach bereits vom Wissensarbeiter. Wissensarbeiter heißt, dass die Wertschöpfung in einem kreativen Akt stattfindet, die nicht mit einer Stechuhr messbar ist. Wir streben immer nach Sicherheit, Verlässlichkeit und Stetigkeit, aber das funktioniert bei Wissensarbeit nicht. Wir können nur die Prozesse fördern und dabei unterstützten, dass die Leute das bekommen, was sie für ihre Arbeit brauchen.

Detecon: Im Szenario von Second Maschine Age kommen Roboter mit wüsten Szenarien daher, die stark in der Diskussion stehen. Auf welche Weise zahlen da Themen wie Weiterbildungsangebote und Ausbildungsfragen bei XING ein und was sind die Trends generell?

Richter: In Amerika gibt es Heerscharen von Anwälten, die sich durch alte Caselaws von 1823 quälen müssen – ob das so sinnstiftend ist, weiß ich nicht. Wenn man das automatisieren könnte, wäre das aus meiner Sicht gut. Ich halte es für eine gute Sache, wenn Menschen sich auf Kreativität und Beziehungen konzentrieren können. Die Herausforderung für unsere Gesellschaft ist dann die Frage, wer was kann und in welchem Maße. Dann glaube ich, dass alles, was es an Weiterbildungsmaßnahmen gibt, grundsätzlich hilfreich ist. Menschen lernen immer mehr, wenn sie Probleme kreativ lösen können. In der Schule helfen zum Beispiel freie Arbeit und Projektarbeit neben dem reinen Lernen von Fakten. Drittens glaube ich, dass wir schon ausreichend funktionale Fähigkeiten für die nächsten Jahrzehnte haben, um uns entsprechend weiterzubilden. Für den deutschsprachigen Raum weiß ich noch nicht, wie die Mischung aus Onlineangeboten und physischer Präsenz aussieht. Auch die Frage, wie man das Lernen in den Alltag integriert, ist schwierig. Und die größte Herausforderung besteht immer noch darin, wie man das, was man in der Theorie gelernt hat, in der Praxis anwendet. Das ist aus meiner Sicht immer noch nicht gelöst.

Detecon: Es gibt einen Trend, der weg vom zeitpunktbezogenen Präsenztraining und hin zu Onlineformaten und virtuellen Formaten geht. Wissen steht dann zu dem Zeitpunkt zur Verfügung, an dem es letztlich gebraucht wird. Ist das ein Markt für Sie, auf dem Sie solche Angebote vielleicht eher dem Individuum anbieten statt den Unternehmen?

Richter: Auch hier ist die Balance das Wichtigste. Ich glaube nicht, dass alle Präsenztrainings durch Onlinetrainings ersetzt werden sollten, denn dann fehlt eine wichtige Komponente: Wenn Menschen sich in einem Raum treffen, passieren Dinge, die online nicht zu replizieren sind. Daher glaube ich, dass man beides braucht. Wir haben bei uns eine Vielfalt an Trainingsformaten. Wichtig ist, das Training mit in den Alltag zunehmen. Hier bieten wir schon viel an, was dem Wissensarbeiter aktiv helfen kann, sich zu entwickeln und zu lernen. Aber da kann man bestimmt noch mehr ausprobieren.

  • Wagner, Marc
    Wagner, Marc Managing Partner

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